Dienstag, 7. November 2017

Moment mal! Was die Zeit mit uns macht




Dorothee HackenbergRobert Skuppin (Hrsg.)

Moment mal! Was die Zeit mit uns macht.

2017 

Berlin: Rowohlt.

ISBN: 9783737100212


Dieses Buch wurde zum zwanzigsten Geburtstag von radioeins veröffentlicht. 47 prominente Autoren – Mitarbeiter und Freunde  des Senders – , wie u.a. Harald Martenstein, Judith Holofernes, Lea Streisand oder Wladimir Kaminer haben Texte zur Zeit geschrieben. Dieses Buch ist keine große theoretische Abhandlung über die Zeit, sondern viele kleine Zeit-Geschichten aus dem persönlichen Leben der Autoren, wie beispielsweise zur Eile, zu Zeit-Momenten, die das Leben ändern, über die Langeweile, über Zeitreisen, den Zeitgeist, die Zeit für mich selbst oder dem Diktat der Uhren.  

Wie ist das mit dem Trödeln oder dem Nichtstun? Gibt es den perfekten Moment oder die Liebe auf den ersten Blick? Wie ist das mit der Vergänglichkeit, der Endlichkeit des Lebens oder haben wir alle Zeit der Welt? Ist es schlimm Zeit zu verpassen? Diese und viele andere Fragen haben die Verfasser der einzelnen Beiträge beschäftigt. Sie beleuchten die Zeit, so mannigfaltig sich diese in unserem Leben und in unserer Wahrnehmung darstellt.

Was machen wir mit der Zeit? – Was macht die Zeit mit uns? – Das ist der Grundtenor, der hinter diesem Buch steht, das insgesamt nicht nur sehr unterhaltsam geschrieben und kurzweilig zu lesen ist, sondern auch zum Reflektieren über die (eigene) Zeit in seiner Vielfältigkeit anregt. Und, wenn man etwas Zeit zum Lesen und zum Nachdenken übrig hat, eine schöne Zeit-Bereicherung ist.


Am 3.10. 17 gab es einen speziellen RADIODAY des Senders zum Thema "Moment mal! Was die Zeit mit uns macht" Die einzelnen interessanten Beiträge, wie u.a. mit Karheinz Geißler, Marc Wittmann u.v.a.  kann man sich noch bis zum Oktober 2018 anhören. – unter https://www.radioeins.de/programm/sendungen/radiodays/moment-mal/index.html

Samstag, 24. Juni 2017

So schläft Deutschland





Neben dem DAK-Gesundheitsreport, der sich dem Schwerpunktthema Schlafstörungen widmet, ist in diesem Jahr der beurer Schlafatlas 2017 erschienen.
Für die beurer Schlafstudie wurde eine repräsentative Stichprobe über 17-Jähriger aus der Gesamtbevölkerung zu ihren Schlafgewohnheiten befragt. 222 der Probanden nahmen zusätzlich an einer Begleitstudie teil, an der die Firma Beurer einen von ihr hergestellten Schlafsensor (SE 80 SleepExpert), der Vergleiche zwischen dem subjektivem Schlafempfinden und objektiven Schlafmessdaten ermöglicht, von einem schlafwissenschaftlichen Institut anwenden ließ. Zudem wurden zusätzlich anhand von Daten des Sozioökonomischen Panels regionale Unterschiede im Schlafverhalten der Deutschen geprüft. Laut beurer Schlafstudie bewerten die Deutschen im Durchschnitt ihren Schlaf mit 6,9 Punkten auf einer Skala von 0 bis 10 als gut.15 Prozent der Befragten waren mit ihrem Schlaf unzufrieden.
Hier einige ausgewählte Ergebnisse:
In kleineren Orten schlafen Menschen besser (7,6) als in größeren. Schüler beurteilten ihren Schlaf (7,7) am besten. Ältere über 60   bewerteten ihren Schlaf etwas besser als Menschen zwischen 30 und 60 Jahren. Zwischen Männern und Frauen wurden keine wesentlichen Unterschiede in der Bewertung ihrer Schlafqualität festgestellt.
Berufstätige beklagten mehr Schlafmangel als Nichtberufstätige – fast 40 Prozent von ihnen wünschten sich mehr Schlaf. Als wichtigsten Grund für schlechten Schlaf gaben sie "Stress während der Arbeit" an. Sie gingen an Werktagen später zu Bett als Nichtberufstätige und brauchen länger, um abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Am Wochenende blieben sie länger im Bett. Als unzureichend bewerteten vor allem Erwerbstätige mit Samstags- und Sonntagsarbeit, Schicht-, Nacht- und Bereitschaftsdienst ihren Schlaf.
Nicht nur äußere Faktoren beeinträchtigen den Schlaf, sondern auch individuelles Verhalten vor dem Zu-Bett-Gehen wie Smartphone- und TV-Nutzung. 85 Prozent der Befragten verbrachten die letzte Stunde vor dem Zubettgehen vor dem TV-Gerät.
Als Indikator für Schlafmangel und Übermüdung sehen die Autoren den regelmäßigen Wunsch von 31 Prozent der Deutschen, länger zu schlafen. 31 Prozent fühlten sich morgens matt, klagten über Anlaufschwierigkeiten am Morgen und 30 Prozent nickten tagsüber unfreiwillig ein.
In der Beurer-Schlafstudie wurde auch die Schlafqualität in den deutschen Regionen ermittelt. Hierfür wurden zusätzlich Daten des Sozioökomischen Panels herangezogen.
Beispielsweise gingen Berliner abends am frühesten ins Bett (21:43). In Rheinland-Pfalz standen die Menschen morgens am frühesten auf (6:35).
Im Dorf schläft es sich besser als in der Stadt und im Norden Deutschlands schläft man länger und besser als im Süden. Während 43 Prozent der Bayern den "Wunsch nach mehr Schlaf" angaben, waren es in Rheinland-Pfalz nur 19 Prozent. Am zufriedensten mit dem Schlaf war man in Bremen und am unzufriedensten in Berlin.
Die Deutschen schätzen ihren Schlaf besser ein, als er ist. Sie schätzen ihre absolute Schlafdauer durchschnittlich auf 6:54 Stunden, tatsächlich ergibt sich aber nur eine reine Schlafdauer von 6 Stunden. 11,3 Prozent der Teilnehmer brauchten länger als 40 Minuten um einzuschlafen und 30,5 Prozent haben mehr als acht Schlafunterbrechungen.

Weitere Informationen zum beurer Schlafatlas gibt es im Internet: http://www.schlafatlas.de/study.php und in: Feld Michael, Young Peter (2017): beurer Schlafatlas 2017. So schläft Deutschland. München.

Freitag, 9. Juni 2017

Schlafloses Deutschland?



Der aktuelle DAK-Gesundheitsreport 2017 "Deutschland schläft schlecht – ein unterschätztes Problem" zeigt, dass immer mehr Menschen nicht richtig Ein-  bzw. Durchschlafen können. Laut dieser repräsentativen Studie leiden 80 Prozent der Erwerbstätigen unter Schlafproblemen und jeder zehnte Arbeitnehmer sogar unter schweren Schlafstörungen. Seit 2010 ist der Anteil der von Ein- und Durchschlafgeplagten um 66 Prozent angestiegen und schwere Schlafstörungen nahmen um 60 Prozent zu. Folgen sind Tagesmüdigkeit und Erschöpfung: 43 Prozent sind bei der Arbeit müde und 31 Prozent regelmäßig erschöpft. Fehltage aufgrund von Schlafstörungen stiegen laut Studie um 70 Prozent an. Aber nur 30% der Erwerbstätigen mit schweren Schlafstörungen lassen sich auch tatsächlich ärztlich behandeln. Vielmehr wird zur Selbstmedikation gegriffen. Jeder Zweite kauft sich in der Apotheke seine Schlafmittel ohne Rezept.

Ursachen dieser starken Zunahme von Schlafproblemen sind laut DAK-Report sowohl in den Arbeitsbedingungen auszumachen, wie u.a. starker Termin- und Leistungsdruck, Überstunden, Nacht- bzw. Schichtarbeit und ständige Erreichbarkeit, als auch bei den Erwerbstätigen selbst, die sich nicht die Zeit gönnen, abends abzuschalten und sich auf die Nachtruhe einzustellen. 83 Prozent schauen vor dem Einschlafen fern, 68 Prozent benutzen am Abend den eigenen Laptop oder das Smartphone[1] und jeder Achte kümmert sich nach Feierabend noch um berufliche Belange.



Quellen:https://www.dak.de/dak/download/pressemeldung-gesundheitsreport-2017-1885292.pdf  sowie https://www.dak.de/dak/download/gesundheitsreport-2017-1885298.pdf






[1] Der hohe Blauanteil im Licht dieser Bildschirme beeinträchtigt die Melatoninproduktion und damit den Schlaf, weshalb viele Schlafforscher ausdrücklich von einer späten Nutzung dieser Geräte abraten.

Mittwoch, 18. Januar 2017

Der Winter – ein „Zeitdieb“!





Seit Anfang Januar hat sich der Winter durchgesetzt. Mit der Industrialisierung hat sich unser Verhältnis zum Winter grundlegend geändert. Einst als eine Zeit der Ruhe, scheint er sich als "Zeitdieb" oder "Störenfried" im permanenten Betriebsablauf unserer beschleunigten Gesellschaft herauszukristallisieren.
Der Winter stört Zeitpläne überall, wo er nur kann. Auf den Verkehrswegen gibt es  Beeinträchtigungen: Verspätungen, Wartezeiten und Ausfälle. „Zeitdiebe“ oder „Zeitfallen“ sind unliebsame Wartezeiten, Störungen oder Unterbrechungen in der Zeitplanung und sie stehlen die wertvolle Zeit. Das jedenfalls behaupten Verfechter gängiger Zeitmanagementmethoden. Zeitmanagementexperten raten dem Einzelnen diese „Zeitfresser“ aufzuspüren und weitgehend zu reduzieren.
Spürt man dem Winter und seine zeitlichen Auswirkungen im Alltäglichen einmal genauer nach, beeinträchtigt er vor allem die hochmobile Non-Stop-Leistungs- und Konsumgesellschaft - dicht vertaktet, auf hohe Geschwindigkeiten, ständige Mobilität und permanenten Leistungszwang getrimmt. Durch Schnee, Glätte und Kälte werden effiziente, rationell und logistisch ausgeklügelte Terminkalender, Zeitplanungen und Zeitplansysteme durcheinander gebracht. Fahrpläne von Bus und Bahn können nicht eingehalten werden. Es kommt zu Verzögerungen bzw. zeitweise zu Ausfällen im öffentlichen Personenverkehr. Fahrgäste stehen frierend und wartend auf Bahnhöfen, müssen teils auf andere Zugverbindungen ausweichen oder ihre Fahrt ganz aufgeben. Auf glatten oder schneeverwehten Straßen und Autobahnen legen Staus und Unfälle den Verkehr stundenlang völlig lahm. Ebenfalls im Flugverkehr gibt es Behinderungen und Ausfälle von Flügen. Und selbst ein Fußgänger muss sich langsamer und vorsichtiger fortbewegen, weil glatte und vereiste Fußwege in den Städten die Gefahr des Ausrutschens erhöhen. Die Zahl der Bein- und Armbrüche steigt in dieser Zeit an und so mancher Fußgänger muss deshalb eine Ruhepause im Krankenhaus einlegen.
Rosa (2005) benennt solche Phänomene der Verlangsamung bzw. Stillstandes als „dysfunktionale Nebenfolgen“, die in beschleunigten Gesellschaften in zunehmend massiveren Maße auftreten. Statt Bewegung und Beschleunigung treten an der „rückständigen  (Natur-)Schnittstelle“ Winter reale Verlangsamungen, Verzögerungen und Stillstände auf, weil dieser in seiner natürlichen Form nicht zeitlich mit einer schnellen Lebensweise  synchronisiert. Momente, Stunden oder Tage des Nicht-Funktionierens ziehen ökonomische Schäden in Millionenhöhe nach sich.
Der Winter „stört“ nicht nur im Alltäglichen, sondern hat ebenso Einfluss auf die Lebenszeitgestaltung bzw. Lebenszeit. Beispielsweise ist eine erhöhte Arbeitslosigkeit während der Wintermonate eine ‚normale‘ jährlich wiederkehrende Entwicklung, die im Januar gewöhnlich ihren höchsten Anstieg erreicht, wie Arbeitsmarktdaten zeigen und um so höher ausfällt, je kälter der Winter ist und je länger er dauert. Dies gilt insbesondere für witterungsbedingte Arbeiten, wie zum Beispiel im Baugewerbe. Der Winter bringt in diesen Fällen für den Einzelnen eine berufs- und witterungsbedingte „Zwangspause“. Außerdem verzeichnen Demographen jahreszeitlich bedingte Schwankungen für alle demografischen Ereignisse. So stellten bereits die Klassiker der Demografie für die Mortalität eine teilweise extreme Übersterblichkeit im Winter fest. Auch heute existiert eine höhere Sterblichkeit im Winter, jedoch ist die Stärke des Einflusses der Saisonalität  deutlich geringer geworden (vgl. Dinkel, Kohls).
Hat man den Winter in seinen zeitlichen Auswirkungen einmal genauer untersucht, heißt es nun diesen „Zeitdieb“ weitestgehend, entsprechend dem Rat der Zeitmanagementexperten, zu reduzieren. Genau dieses Experiment der Menschheit läuft seit dem Beginn der „Zeit- ist Uhren-Rechnung“ und „Zeit-ist-Geld-Rechnung“. Die dunklen Tage werden mit künstlichem Licht verlängert. Winterruhe oder Winterpausen, wie es sie in landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften gab, gehören der Vergangenheit an. Der Mensch geht auch im Winter seinen Beschäftigungen wie gehabt und unbeirrt nach. Behindert Glätte, Kälte oder Schnee den Verkehr, arbeitet  der Winterdienst ununterbrochen, um einen Rund-um-die-Uhr- Ablauf der Leistungsgesellschaft zu gewähren bzw. wieder herzustellen. Und meist dauert es nicht lange und der Verkehr rollt erneut nonstop weiter. In der Bundesliga wurde übrigens für die Saison 2009/2010 die Winterpause um dreieinhalb Wochen reduziert, um mehr Spieltermine zu haben. Es gibt ja beheizbare Spielflächen.
Ist der Winter wirklich eine „Zeitfalle“? Als „Zeitdieb“ stellt sich der Winter nur in diesem linearen und ökonomischen Verständnis von Zeit dar.  Der Winter eingebunden in den natürlichen Rhythmus der Jahreszeiten ist kein Störenfried seiner zyklischen Natur-Zeit. Bei Pflanzen und allen Lebewesen kann eine Reaktion auf den winterlichen Jahreszeitenwechsel mit kürzeren Tagen und abnehmenden Temperaturen beobachtet werden. Zugvögel, wie beispielsweise Falken, Schwalben, Rotkehlchen oder Finken, u.a. entfliehen in südliche und wärmere Gefilde. Manche Tiere, wie Kröten, Mäuse oder Eichhörnchen verfallen in einen Erstarrungszustand oder oberflächlichen Winterschlaf. Schlangen und Eidechsen halten einen Schlaf-Ruhe-Zustand und einige Tiere entwickelten als Anpassung eine Winter-Schlaf-Reaktion, in dem z.B. die Herzfrequenz gesenkt ist, der Sauerstoffverbrauch abfällt, die Gehirnzellen sich verlangsamen oder die Blutgefäße sich verengen. Auch beim Menschen zeigen sich mit physiologischen und psychologischen Veränderungen als natürliche Anpassung auf kürzere Tage und kalte Temperaturen winterschlafähnliche Reaktionen (vgl.Whybrow, Bahr). Untersuchungsreihen zeigen, dass der Mensch, mit individuellen Schwankungen, im Winter die Neigung zeigt, mehr zu schlafen, einen langsameren Aktivitätsrhythmus und eine schlechtere Stimmung hat, mehr Kohlenhydrate zu sich nimmt und an Gewicht zunimmt. Die Winterzeit ist eine natürliche Zeit der Ruhe und Entschleunigung. So beeinflusst im Übrigen frisch gefallener Schnee das Sehen und Hören, denn die Natur erscheint insgesamt ruhiger, wie Wissenschaftler festgestellt haben. Das Gehirn verbindet schon den Anblick von Schnee mit Stille und Ruhe. Schnee ist ein Material, das den Schall sehr  gut absorbiert und unsere Umwelt merklich leiser erscheinen lässt. Und selbst das Bundesamt für Katastrophenschutz, der jüngst den Winter bei einem Sturmtief sogar zur Katastrophe erklärte, riet den Bürgern auf seiner Website, „möglichst zu Hause zu bleiben und das Winterwetter aus sicherer Distanz in Ruhe zu genießen“. Wahrgenommene winterliche Zeitkonflikte sind nicht dem Winter immanent, sondern haben ihre Ursachen in dem beschleunigten Lebensstil moderner Gesellschaften. Statt auf kürzere und kältere Tage mit Trägheit, Gelassenheit und Besinnung zu reagieren, werden diese natürlichen biologischen Reaktionen bekämpft, weil sie nicht mit dem Werte- und Normensystem einer Leistungs- und Beschleunigungsgesellschaft konform gehen, und das schnelle  Leben wird wie gewöhnlich fortgeführt.
Zeitwohlstand im Winter als ein rechtes Maß an Zeit zu finden, bedeutet  eine gute Synchronisation von gesellschaftlichen Lebensweisen mit  natürlichen winterlichen „Zeitplänen“, mit einem Recht auf Entschleunigung, Ruhe und Besinnung in der kalten und dunklen Jahreszeit.

Literaturhinweise:
Brunner B. (2016): Als die Winter noch Winter waren. Geschichte einer Jahreszeit, Berlin
Dinkel R. H., Kohls M. (2006): Die „normale" Saisonalität und die Auswirkung kurzzeitiger Extremwerte der Mortalität in Deutschland (begutachteter Beitrag), Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 31, 2/2006, S. 163-186
Hirschfeld, C.C.L. (1769): Der Winter, Leipzig
Rinderspacher  J. P., Hermann-Stojanow I., Pfahl S., Reuyss S. (2009): Zeiten der Pflege, Münster
Rosa H. (2005): Beschleunigung, Frankfurt/M.
Whybrow P., Bahr R. (1992): Winterschlaf, Reinbek bei Hamburg