Montag, 25. Juni 2018

Immer mehr Zeit wird im Internet verbracht

Die Deutschen verbringen immer mehr Zeit im Internet. Wie die aktuelle Postbank Digitalstudie 2018 zeigt, durchschnittlich 46 Stunden, also mehr als die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von insgesamt 41 Stunden. Junge Menschen, zwischen 18 und 34 Jahre verbringen sogar rund 58 Stunden im WWW, vor allem mobil mit dem Smartphone.

Quelle: "obs/Postbank" / https://www.presseportal.de/pm/6586/3973308

Mittwoch, 24. Januar 2018

Einsamkeit – Auch ein Zeitthema


© Henrich Evers

Als ausreichend Zeit für sich selbst zur Selbstfindung und individuellen Sammlung, als kreative Auszeit oder notwendige Ruhepause vom stressigen Alltag und als bewusst erlebte Zeit ist das Alleinsein für jeden, wenn auch in einem individuell unterschiedlichen Ausmaß, notwendig.
Doch Einsamkeit ist nicht mit diesem Bedürfnis nach ausreichend Zeit für sich selbst gleichzusetzen. Das Gefühl Einsamkeit entsteht dann, wenn ein Mensch weniger soziale Kontakte hat, als er sich gerne wünscht. Der Mensch ist ein soziales Wesen, der ausreichend Zeit mit- und füreinander mit anderen verbringen möchte, verbunden mit dem Gefühl des Dazugehörens, des Gebrauchtwerdens und der Geborgenheit. Ein Zuviel alleinverbrachter Zeit führt in die soziale Isolation und kann körperliche wie psychische Erkrankungen begünstigen und die Sterblichkeit negativ beeinflussen, ähnlich wie das Rauchen, der Mangel an Bewegung oder Übergewicht.[1]
Das Thema Einsamkeit ist derzeit in die öffentliche und politische Diskussion geraten, nachdem die britische Premierministerin Theresa May offiziell eine "Ministerin für Einsamkeit" ins Amt berufen hat, dessen Aufgabenbereich die Sportstaatsekretärin Tracey Crouch mit übernehmen soll. Denn in Großbritannien fühlen sich mehr als neun Millionen Menschen sozial isoliert. Nur einmal im Monat führten u.a. ca. 200.000 ältere Menschen ein Gespräch mit einem Freund oder Verwandten.
Auch in Deutschland fühlt sich eine steigende Zahl von Menschen in jeder Altersgruppe sozial isoliert. Hierzulande beklagt sich jeder fünfte über 85 Jahre und jeder Siebte zwischen 45- bis 65 Jahren über Einsamkeit.
Vor allem gesellschaftliche Veränderungen u.a. durch Industrialisierung, Beschleunigung, Globalisierung, Flexibilisierung und räumlicher Mobilität sowie Digitalisierung befördern zwar individuelle Freiheiten aber eben auch die Gefahr sozialer Isolierung.
In vorindustriellen Zeiten lebten Menschen vorwiegend gemeinschaftlich in Großfamilien. Im Zuge von Industrialisierung, Verstädterung und Individualisierung gab es die Entwicklung hin zur typischen Kleinfamilie bis zum Single-Haushalt, der heute der häufigste Haushaltstyp in Deutschland ist. Bereits 1903 hat Georg Simmel auf eine zunehmende Einsamkeit hingewiesen: In Großstädten "ist [es] offenbar nur der Revers dieser Freiheit, wenn man sich unter Umständen nirgends so einsam und verlassen fühlt, als eben in dem großstädtischen Gewühl; denn hier wie sonst ist es keineswegs notwendig, dass die Freiheit des Menschen sich in seinem Gefühlsleben als Wohlbefinden spiegele".[2]
Einsamkeit ist vor allem ein Zeit- und Zeitwohlstandsproblem.
Vielen Menschen fehlt heute schlichtweg die Zeit oder sind zu erschöpft, um sich um Verwandte, Freunde oder Nachbarn zu kümmern. 44 Prozent der Beschäftigten sind laut DGB-Index Gute Arbeit 2017 nach der Arbeit oft oder sehr häufig zu erschöpft, um sich noch um private und familiäre Angelegenheiten zu kümmern. Auch Arbeitszeiten, die tatsächlich 45 Stunden und mehr betragen sowie ständige Erreichbarkeit verhindern eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Besonders Arbeitnehmer, die sehr häufig oder oft nachts arbeiten sind von zeitlich bedingten Vereinbarungsschwierigkeiten betroffen.[3]
Kollektive Zeitinstitutionen, wie das Wochenende, der Feierabend oder gemeinsame Mahlzeiten in der Familie verlieren durch flexibilisierte Arbeitszeiten an Bedeutung, die gemeinsam verbrachte Beziehungszeiten zunehmend schwieriger organisieren lassen.
Nicht nur das Wegbrechen kollektiver Zeiten, sondern auch das kollektiver Orte, wie beispielsweise Gaststätten oder Einkaufsmöglichkeiten in ländlichen Räumen, die oft besonders für ältere immobile Menschen als Orte sozialer Kommunikation fungier[t]en, trägt zum Gefühl sozialer Isolation bei.
Ebenso können Entwicklungen durch die Digitalisierung das Gefühl von sozialer Einsamkeit befördern. Wenn an öffentlichen Orten, wie beispielsweise Bahnhöfen oder Einkaufsmöglichkeiten menschliche Kommunikation nach und nach und gänzlich durch Automaten oder digitaler Applikationen auf dem Smartphone ersetzt wird, kann man sich an solchen Orten schon sehr einsam fühlen.
Eine wichtige Rolle spielt daneben die Qualität von gemeinsam verbrachter Zeit. Nicht Wenige fühlen sich auch in sozialer Gemeinschaft, mit ihrem Partner*in oder in der digitalen Kommunikation mit anderen einsam. Wie oft sieht man auf den Straßen junge Mütter mit Kinderwagen, die mehr mit dem Smartphone beschäftigt sind als mit ihren eigenen Kindern. Und wenn der Aufbau und der Erhalt sozialer Beziehungen zur Beziehungsarbeit – zum Networking –, wie das nicht selten bei Projektarbeitern der Fall ist, degradiert, dann steht dahinter meist eher ein ökonomisches Kalkül als echtes soziales Interesse am anderen.
Nach Hartmut Rosa (2016) entsteht durch diese gesellschaftlichen Entwicklungen, die für ihn ursächlich auf gesellschaftliche Beschleunigungsprozesse gründen, u.a. ein gestörtes Beziehungsverhältnis zur sozialen Welt. Die Menschen haben immer mehr das Gefühl, entfremdet einer "stummen, gleichgültigen Welt gegenüber zu stehen", in denen die "lebendigen Verbindungen zu anderen Menschen" – die sozialen Resonanzerfahrungen – fehlen.[4]
Auch wenn Einsamkeit ein sehr individuelles Problem ist, so sind es doch gesamtgesellschaftliche Zeit-Entwicklungen die soziale Isolation und das individuelle Gefühl von Einsamkeit begünstigen. Politik und Gesellschaft sind gefragt, wenn es um gesellschaftliche Rahmenbedingungen geht, die den Menschen mehr Zeit füreinander, im Sinne eines guten Lebens, ermöglichen.

Nachweise:
[1] http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/wie-gefaehrlich-ist-einsamkeit-wirklich-15406497.html
[2] Simmel, Georg (1903): Die Großstädte und das Geistesleben. Essay. http://socio.ch/sim/verschiedenes/1903/grossstaedte.htm
[3] DGB-Index Gute Arbeit. Report 2017. Schwerpunkt: Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben. http://index-gute-arbeit.dgb.de/++co++614dfaea-bee1-11e7-98bf-52540088cada
[4] Rosa, Hartmut (2016): Resonanz eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin.

Donnerstag, 21. Dezember 2017

"Zwischen den Jahren",



ist eine Zeit des kollektiven Übergangs zwischen Weihnachten und Silvester, rhythmisch alle zwölf Monate folgend und zeitlich-linear im Kalender stattfindend. Sie ist eine Zeit des Jahresrückblicks, des Bilanz-Ziehens und des hoffnungsvollen Blicks auf das neue Jahr sowie des Pläne-Schmiedens. Eine Zeit der Besinnung, in der die Welt etwas "schläft", frei von Terminen und beruflichen Verpflichtungen.
Dieses Dazwischen ist eine Phase des "Nicht-Mehr" und des "Noch-Nicht".  Als Zwischenraum und Zwischenzeit, die Veränderungen markiert, trennt sie Neues vom Alten und sorgt für Abstand zwischen beiden. Sie sorgt für ein Fließen von Zeit, in dem das Jahr nicht etwa abrupt endet, sondern Zeit zum Verweilen,  zum Innehalten, zur Reflexion, zur Muße und zur Pause gibt.
Diese Übergangszeiten, von vielfältiger Art im Alltag, geben Orientierung und fungieren als Schutz vor Überforderung und sind wichtig "für gesellschaftliche, soziale und individuelle Integration und Stabilität". 1
So besteht das ganze Leben besteht aus Übergängen – zwischen Zeugung , Geburt und Tod. Übergänge gibt es im Rhythmus der Natur, als biologische, alltägliche oder  lebensphasenspezifische Übergänge sowie als kollektive, gesellschaftliche  oder politische Übergänge. Sie haben etwas Ungewisses, Schwebendes immanent, das ausgehalten werden muss.
Politisch befinden wir uns beispielsweise zur Zeit in einer Übergangsphase zwischen der Bundestagswahl und einer Regierungsbildung, die sich zäh dahin zieht und schon so lange dauert, wie noch nie.
Doch in einer Zeit der Kurzfristigkeit und des Digitalem werden diese Übergänge immer rarer, denn dem Menschen von heute ist die Unruhe und die Ungeduld permanent eingeschrieben. Die digitale Welt kennt keine Pausen und kein "Zwischen-den-Jahren" und macht keine Unterschiede zwischen Arbeitstagen, Sonntagen, Feiertagen, Weihnachten oder Silvester  – nonstop ist sie immer und überall omnipräsent. So hat in jedem zweiten Haushalt auch das Smartphone zu Weihnachten keine Sendepause und liegt selbst neben dem traditionellen Gänsebraten mit auf dem Tisch.
Ein Smartphone oder ein Tablet stehen schon bei Sechsjährigen ganz oben auf der Weihnachtswunschliste. Wenn die ganze Familie unterm Weihnachtsbaum auf ihre ständig flackernden Bildschirme starrt und schnell noch Videos oder Bilder von Geschenken und seinen Lieben in die ganze Welt postet oder likt, dann erreichen nebenbei u.a. eben auch die digitalen Werbe- und Konsumbotschaften, die beruflichen Mails ihre Empfänger oder der digitale Terminkalender meldet sich.  Die Mehrzahl der Berufstätigen, die zwischen Weihnachten und Neujahr ihren Urlaub nehmen, sind trotzdem für den Arbeitgeber erreichbar.
Und zwischen den Jahren werden die Einkaufstempel geradezu gestürmt, um Geschenke umzutauschen oder Gutscheine einzulösen, ohne eine Auszeit vom Konsumstress.
Diese Übergänge werden zunehmend individualisiert und zu einem kostbaren und knappen Gut. Jeder Einzelne muss für diese  – zwischen den Enden und den Anfängen – selbst Sorge leisten. Auf der Hitliste in Umfragen zu Wünschen im neuen Jahr stehen "Weniger Stress" und "Mehr Zeit" mittlerweile ganz oben. Wie wäre es, sich einfach mehr Übergänge im Alltag zu gönnen und sich die Vorteile dieser bewusst zu machen? Ein kurzes Innehalten zwischen den vielen Tätigkeiten auf der To-do-Liste, Zeiten des Ankommens, von Pausen oder des Sonnenuntergangs zu genießen, entschleunigt den Alltag.

Literatur:

Geißler Karlheinz A. (2008): Zeit – Verweile doch. Lebensformen gegen die Hast. Freiburg i. Breisgau.
Geißler, Karlheinz A. (2008): Alles Espresso. Kleine Helden der Alltagsbeschleunigung. Stuttgart.


1 https://www.brandeins.de/archiv/2010/auf-sicht/die-verpfaendung-der-zeit/

Montag, 11. Dezember 2017

Wie Digitalisierung Muße verhindert



Muße ist mehr als ein von temporalen Zwängen und äußeren Leistungserwartungen zeitlicher Freiraum, den man hat oder nicht hat und je nach eigenen Bedürfnissen nutzen kann. Muße als spezifische Zeiterfahrung hat ihre eigene Erlebnisqualität. In Mußesituationen sind wir präsent, bewusst, aufmerksam, wir fühlen Ruhe und Entspannung. Kreativität und Phantasie können sich erst in Muße entfalten. Um einen Zugang zur Muße zu erlangen, bedarf es zudem – aus neurobiologischen Erkenntnissen heraus – die Entwicklung und Herausbildung individueller Fähigkeiten, wie Geduld, Ausdauer und Konzentration, die sich nur durch ausdauerndes Üben und durch gewisse Disziplin als individuelle (Zeit-)Kompetenz erwerben lassen.
Soziale (Zeit-)Bedingungen können Muße ermöglichen oder verhindern. Sie beeinflussen unsere Vorstellungen über die Zeit, unseren Umgang mit Zeit und haben einen wesentlichen Einfluss, ob jemand die Fähigkeit besitzt, sich Zugang zu den Möglichkeiten von Muße zu verschaffen. Gesellschaftliche Einflüsse formen und verändern die beiden fundamentalen neurobiologischen Systeme  – das Bottom-Up-System[1] und das Top-Down-System[2].
Unsere "Sofortness"-Kultur voller Ungeduld der digitalen Medien befördern ein äußerst kurzes 'Reiz-Reaktions-Verhältnis'  individueller Erwartungshaltungen, immer alles in 'Echtzeit' zur Verfügung haben zu wollen. Diese permanent auf uns einwirkenden digitalen Reize sprechen vor allem das Button-Up-System an – den schnellen kurzfristigen Verlockungen der digitalen Welt, der Smartphones oder der sozialen Medien ist kaum zu widerstehen. Auch, wenn tatsächlich kein Mangel besteht, wirken sie permanent auf unser unmittelbares Belohnungssystem  ein. Sie halten uns ständig in Unruhe und verstellen den Weg zur Muße.
So macht es beispielsweise einen großen Unterschied aus, ob wir mit der Hand schreiben oder in den Computer tippen oder auf Tablets und Smartphones wischen.
Mit der Hand schreiben zu lernen und Gedachtes auf's Papier zu bringen, bedarf ausdauernder Übung und des Zusammenspiels des Körpers. Dabei werden entsprechende Regionen im Gehirn aktiviert. Während des Schreibens wird  das Top-Down-System angesprochen, das für das Planen, Strukturieren, der Kontrolle und der Kreativität verantwortlich ist. Beim Mit-der-Hand-Schreiben, so belegen Studien, kommen wir auf mehr Ideen, man muss sich konzentrieren. Zwar geht das langsamer vonstatten, aber die verfügbare Zeit hilft, gedankliche Verbindungen herzustellen und Gedanken nacheinander auszubilden – alles Voraussetzungen für Mußeerfahrungen.
Im Gegensatz dazu, tippten die Probanden auf einen Computer zwar schneller, merkten sich aber nur einzelne Begriffe statt inhaltliche Zusammenhänge. Auch waren sie in ihren Texten nicht so kreativ.

U.a. gehörte es für Heinrich Böll dazu, neben dem Geschriebenen,  einen farbigen Plan, ein Schema
Böll Skizze zum Roman Frauen vor Flußlandschaft
seines entstehenden Romans anzufertigen, um den "Fluss der Schrift" noch einen zusätzlichen Moment der Muße hinzuzufügen: "Der Roman erhielt durch diese Übersicht- oder Strukturskizzen Konturen; Unstimmigkeiten in der Komposition wurden klarer, konnten korrigiert werden. Wenn auch damit noch nicht ausformuliert, wurde Fehlendes »sichtbar«, konnten Lücken mit »Fleisch« ausgefüllt werden. Die Ausarbeitung der Pläne stand für einen Moment des Innehaltens, des Verharrens, der Prüfung, die jedes Kunstwerk benötigt" (Böll 2010: 9).


Grund genug, mußevoll zum Stift zu greifen!

 Literatur:
Bauer, Joachim (2017): Selbststeuerung als Vorrausetzung von Muße. In: Muße und Gesellschaft. Otium. Studien zur Theorie und Kulturgeschichte der Muße 5. Tübingen. S. 89-100.
Böll, Rene (2010): Schemenhaft. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Ansichten.
Die Romanskizzen Heinrich Bölls. Berlin. S.8-11.
Cheauré, Elisabeth (2017): Zur Funktion von Handarbeiten in L. N. Tolstojs Anna Karenina. In: Muße und Gesellschaft. Otium. Studien zur Theorie und Kulturgeschichte der Muße 5. Tübingen. S. 401-418.
 Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) (2010): Ansichten. Die Romanskizzen Heinrich Bölls. Berlin.
  
Lobo, Sascha (2011): Die Mensch-Maschine: Digitale Ungeduld.  http://www.spiegel.de/netzwelt/web/s-p-o-n-die-mensch-maschine-digitale-ungeduld-a-774110.html (Abruf: 11.12.2017)

Stern, Nociole (2016): Das Muße-Prinzip. Wie wir wirklich im Jetzt ankommen. München.

Zeug, Katrin (2017): Schrift: Wie das Schreiben das Denken verändert. http://www.zeit.de/zeit-wissen/2017/06/schrift-schreiben-denken-sprache


[1] Das Bottom-Up-System ist auf  eine unmittelbare Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet und richtet sich auf eine kurzfristige Perspektive.
[2] Das Top-Down-System befähigt den Menschen , langfristig zu planen, vorausschauend zu denken innezuhalten oder zu reflektieren. Diese Fähigkeit ist eine entscheidende Voraussetzung für Mußeerfahrungen (Bauer 2017: 98).