Mittwoch, 18. Januar 2017

Der Winter – ein „Zeitdieb“!





Seit Anfang Januar hat sich der Winter durchgesetzt. Mit der Industrialisierung hat sich unser Verhältnis zum Winter grundlegend geändert. Einst als eine Zeit der Ruhe, scheint er sich als "Zeitdieb" oder "Störenfried" im permanenten Betriebsablauf unserer beschleunigten Gesellschaft herauszukristallisieren.
Der Winter stört Zeitpläne überall, wo er nur kann. Auf den Verkehrswegen gibt es  Beeinträchtigungen: Verspätungen, Wartezeiten und Ausfälle. „Zeitdiebe“ oder „Zeitfallen“ sind unliebsame Wartezeiten, Störungen oder Unterbrechungen in der Zeitplanung und sie stehlen die wertvolle Zeit. Das jedenfalls behaupten Verfechter gängiger Zeitmanagementmethoden. Zeitmanagementexperten raten dem Einzelnen diese „Zeitfresser“ aufzuspüren und weitgehend zu reduzieren.
Spürt man dem Winter und seine zeitlichen Auswirkungen im Alltäglichen einmal genauer nach, beeinträchtigt er vor allem die hochmobile Non-Stop-Leistungs- und Konsumgesellschaft - dicht vertaktet, auf hohe Geschwindigkeiten, ständige Mobilität und permanenten Leistungszwang getrimmt. Durch Schnee, Glätte und Kälte werden effiziente, rationell und logistisch ausgeklügelte Terminkalender, Zeitplanungen und Zeitplansysteme durcheinander gebracht. Fahrpläne von Bus und Bahn können nicht eingehalten werden. Es kommt zu Verzögerungen bzw. zeitweise zu Ausfällen im öffentlichen Personenverkehr. Fahrgäste stehen frierend und wartend auf Bahnhöfen, müssen teils auf andere Zugverbindungen ausweichen oder ihre Fahrt ganz aufgeben. Auf glatten oder schneeverwehten Straßen und Autobahnen legen Staus und Unfälle den Verkehr stundenlang völlig lahm. Ebenfalls im Flugverkehr gibt es Behinderungen und Ausfälle von Flügen. Und selbst ein Fußgänger muss sich langsamer und vorsichtiger fortbewegen, weil glatte und vereiste Fußwege in den Städten die Gefahr des Ausrutschens erhöhen. Die Zahl der Bein- und Armbrüche steigt in dieser Zeit an und so mancher Fußgänger muss deshalb eine Ruhepause im Krankenhaus einlegen.
Rosa (2005) benennt solche Phänomene der Verlangsamung bzw. Stillstandes als „dysfunktionale Nebenfolgen“, die in beschleunigten Gesellschaften in zunehmend massiveren Maße auftreten. Statt Bewegung und Beschleunigung treten an der „rückständigen  (Natur-)Schnittstelle“ Winter reale Verlangsamungen, Verzögerungen und Stillstände auf, weil dieser in seiner natürlichen Form nicht zeitlich mit einer schnellen Lebensweise  synchronisiert. Momente, Stunden oder Tage des Nicht-Funktionierens ziehen ökonomische Schäden in Millionenhöhe nach sich.
Der Winter „stört“ nicht nur im Alltäglichen, sondern hat ebenso Einfluss auf die Lebenszeitgestaltung bzw. Lebenszeit. Beispielsweise ist eine erhöhte Arbeitslosigkeit während der Wintermonate eine ‚normale‘ jährlich wiederkehrende Entwicklung, die im Januar gewöhnlich ihren höchsten Anstieg erreicht, wie Arbeitsmarktdaten zeigen und um so höher ausfällt, je kälter der Winter ist und je länger er dauert. Dies gilt insbesondere für witterungsbedingte Arbeiten, wie zum Beispiel im Baugewerbe. Der Winter bringt in diesen Fällen für den Einzelnen eine berufs- und witterungsbedingte „Zwangspause“. Außerdem verzeichnen Demographen jahreszeitlich bedingte Schwankungen für alle demografischen Ereignisse. So stellten bereits die Klassiker der Demografie für die Mortalität eine teilweise extreme Übersterblichkeit im Winter fest. Auch heute existiert eine höhere Sterblichkeit im Winter, jedoch ist die Stärke des Einflusses der Saisonalität  deutlich geringer geworden (vgl. Dinkel, Kohls).
Hat man den Winter in seinen zeitlichen Auswirkungen einmal genauer untersucht, heißt es nun diesen „Zeitdieb“ weitestgehend, entsprechend dem Rat der Zeitmanagementexperten, zu reduzieren. Genau dieses Experiment der Menschheit läuft seit dem Beginn der „Zeit- ist Uhren-Rechnung“ und „Zeit-ist-Geld-Rechnung“. Die dunklen Tage werden mit künstlichem Licht verlängert. Winterruhe oder Winterpausen, wie es sie in landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften gab, gehören der Vergangenheit an. Der Mensch geht auch im Winter seinen Beschäftigungen wie gehabt und unbeirrt nach. Behindert Glätte, Kälte oder Schnee den Verkehr, arbeitet  der Winterdienst ununterbrochen, um einen Rund-um-die-Uhr- Ablauf der Leistungsgesellschaft zu gewähren bzw. wieder herzustellen. Und meist dauert es nicht lange und der Verkehr rollt erneut nonstop weiter. In der Bundesliga wurde übrigens für die Saison 2009/2010 die Winterpause um dreieinhalb Wochen reduziert, um mehr Spieltermine zu haben. Es gibt ja beheizbare Spielflächen.
Ist der Winter wirklich eine „Zeitfalle“? Als „Zeitdieb“ stellt sich der Winter nur in diesem linearen und ökonomischen Verständnis von Zeit dar.  Der Winter eingebunden in den natürlichen Rhythmus der Jahreszeiten ist kein Störenfried seiner zyklischen Natur-Zeit. Bei Pflanzen und allen Lebewesen kann eine Reaktion auf den winterlichen Jahreszeitenwechsel mit kürzeren Tagen und abnehmenden Temperaturen beobachtet werden. Zugvögel, wie beispielsweise Falken, Schwalben, Rotkehlchen oder Finken, u.a. entfliehen in südliche und wärmere Gefilde. Manche Tiere, wie Kröten, Mäuse oder Eichhörnchen verfallen in einen Erstarrungszustand oder oberflächlichen Winterschlaf. Schlangen und Eidechsen halten einen Schlaf-Ruhe-Zustand und einige Tiere entwickelten als Anpassung eine Winter-Schlaf-Reaktion, in dem z.B. die Herzfrequenz gesenkt ist, der Sauerstoffverbrauch abfällt, die Gehirnzellen sich verlangsamen oder die Blutgefäße sich verengen. Auch beim Menschen zeigen sich mit physiologischen und psychologischen Veränderungen als natürliche Anpassung auf kürzere Tage und kalte Temperaturen winterschlafähnliche Reaktionen (vgl.Whybrow, Bahr). Untersuchungsreihen zeigen, dass der Mensch, mit individuellen Schwankungen, im Winter die Neigung zeigt, mehr zu schlafen, einen langsameren Aktivitätsrhythmus und eine schlechtere Stimmung hat, mehr Kohlenhydrate zu sich nimmt und an Gewicht zunimmt. Die Winterzeit ist eine natürliche Zeit der Ruhe und Entschleunigung. So beeinflusst im Übrigen frisch gefallener Schnee das Sehen und Hören, denn die Natur erscheint insgesamt ruhiger, wie Wissenschaftler festgestellt haben. Das Gehirn verbindet schon den Anblick von Schnee mit Stille und Ruhe. Schnee ist ein Material, das den Schall sehr  gut absorbiert und unsere Umwelt merklich leiser erscheinen lässt. Und selbst das Bundesamt für Katastrophenschutz, der jüngst den Winter bei einem Sturmtief sogar zur Katastrophe erklärte, riet den Bürgern auf seiner Website, „möglichst zu Hause zu bleiben und das Winterwetter aus sicherer Distanz in Ruhe zu genießen“. Wahrgenommene winterliche Zeitkonflikte sind nicht dem Winter immanent, sondern haben ihre Ursachen in dem beschleunigten Lebensstil moderner Gesellschaften. Statt auf kürzere und kältere Tage mit Trägheit, Gelassenheit und Besinnung zu reagieren, werden diese natürlichen biologischen Reaktionen bekämpft, weil sie nicht mit dem Werte- und Normensystem einer Leistungs- und Beschleunigungsgesellschaft konform gehen, und das schnelle  Leben wird wie gewöhnlich fortgeführt.
Zeitwohlstand im Winter als ein rechtes Maß an Zeit zu finden, bedeutet  eine gute Synchronisation von gesellschaftlichen Lebensweisen mit  natürlichen winterlichen „Zeitplänen“, mit einem Recht auf Entschleunigung, Ruhe und Besinnung in der kalten und dunklen Jahreszeit.

Literaturhinweise:
Brunner B. (2016): Als die Winter noch Winter waren. Geschichte einer Jahreszeit, Berlin
Dinkel R. H., Kohls M. (2006): Die „normale" Saisonalität und die Auswirkung kurzzeitiger Extremwerte der Mortalität in Deutschland (begutachteter Beitrag), Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 31, 2/2006, S. 163-186
Hirschfeld, C.C.L. (1769): Der Winter, Leipzig
Rinderspacher  J. P., Hermann-Stojanow I., Pfahl S., Reuyss S. (2009): Zeiten der Pflege, Münster
Rosa H. (2005): Beschleunigung, Frankfurt/M.
Whybrow P., Bahr R. (1992): Winterschlaf, Reinbek bei Hamburg

Freitag, 8. April 2016

Rosa: Resonanz V: Körperliche Weltbeziehungen S. 83 - 143


In Teil 1 des Buches behandelt Rosa die Grundelemente menschlicher Weltbeziehungen:
- Körperliche Weltbeziehungen
- Weltaneignung und Welterfahrung
- Emotionale, evaluative und kognitive Weltbeziehungen

Körperliche Weltbeziehungen
zu den wichtigsten elementaren Weisen der körperlichen Weltbeziehungen (Leib-Welt-Resonanz) zählt Rosa:

·        das in die Welt gestellt sein über die Füße und die Haut
·        das Atmen
·        Essen und Trinken
·        Stimme, Blick und Antlitz
·        Gehen, Stehen und Schlafen
·        Lachen, Weinen und Lieben

haben alle auch einen sozialen Aspekt, also sind sie auch für eine soziologische Theorie von Interesse, zeigt sich z.B. in Sprichwörtern, aber auch an Pathologien der Spätmoderne, zeigt an diesen Weisen in der Welt zu sein, auf das Leib-Welt-Resonanz des modernen Menschen vielfach gestört ist.

Rosa diskutiert die Weisen Des-in-die-Welt-Gesestelltseins ausführlich. Ich habe diese in einer Tabelle zusammengestellt, die unter folgendem Link als pdf aufgerufen werden kann.

 https://www.dropbox.com/s/k7hgpplknycwko9/Microsoft%20Word%20-%20Rosa%205%2083%20143%281%29.pdf?dl=0

Auch, wenn einige Ausführungen spekulativ bleiben, zeigen die von Rosa aufgezählten körperlichen Weltbeziehungen, dass diese kulturell/ sozial bedingt sind und wie wir durch diese Resonanz erfahren bzw. Resonanz nicht erfahren wird oder auch Resonanz bei anderen sehen können, z.B. durch den Gang eines Menschen.

Zwei mir wichtige Textpassagen aus dem Beispiel des Gehens:

                                          Rosa, Hartmut 2016: 128
                                               Rosa, Hartmut 2016: 129

Dienstag, 22. März 2016

Rosa (2016): Resonanz; 22.03.2016 / Subjekt-Welt-Beziehung



S. 61-79


o   behandelt auf diesen Seiten einerseits kritisch das konzeptuelle/ theoretische Problem zwischen Subjekt und Welt, andererseits führt Rosa kurz in die weiteren Kapitel ein
o   klärt konzeptionelle Grundlage Subjekt- Welt seiner Resonanztheorie

"Die hier avisierte Soziologie der Weltbeziehung .... postuliert, dass beide Seiten - Subjekt und Welt - in der durch die wechselseitige Bezogenheit erst geformt, geprägt, ja mehr noch: konstituiert werden. Was und wie ein Subjekt ist, lässt sich erst bestimmen vor dem Hintergrund der Welt, in die es sich gestellt und auf die es sich bezogen findet; Selbstverständnis und Weltverhältnis lassen sich in diesem Sinne nicht trennen. Subjekte stehen der Welt also nicht gegenüber, sondern sie finden sich immer schon in einer Welt, mit der sie verknüpft und verwoben sind, der gegenüber sie je nach historischem und kulturellem Kontext fließende oder auch feste Grenzen haben, die sie fürchten oder lieben, in die sie sich geworfen oder in der sie sich getragen fühlen etc." (Rosa 2016: 62/63)
o   bezieht sich in Bezug auf das Selbst auf Charles Taylor (1994) - abgepuffertes Selbst (21. Jh.) vs. poröse Selbst (15. Jh.)
Subjekte sind auch stets intentional auf ihre Welt bezogen, haben nicht nur kognitive sondern auch evaluative und existenzielle Beziehung  zur Welt, die Welt begegnet den Subjekten und Subjekte nehmen zur Welt intentional Stellung, so kann die Welt positiv (als Freude, Begehren) oder negativ (als Angst) erscheinen. "Weltbeziehungen lassen sich ... als »Konkretionen der Intentionalität« verstehen." (Rosa 2016: 65)

"Die Welt lässt sich dann konzeptionalisieren, als alles was begegnet (oder auch: was begegnen kann), sie erscheint als der ultimative Horizont, in dem sich Dinge ereignen können und Objekte auffinden lassen, ...  Dieses Ganze erweist sich dabei allerdings zugleich als mehr und als etwas anderes als die Summe aller Teile: Die Welt ist das, was jedem Bewusstsein als vorgängig immer schon mitgegeben ist" Rosa 2016: 65/66)
Rosa kommt es in seinem Buch vor allem darauf an, die gesellschaftliche Prägung, die Veränderbarkeit und Variabilität der menschlichen Weltbeziehungen zu untersuchen. Die sozialen Verhältnisse (Institutionen, soziale Praktiken, Organisationsstrukturen- und -weisen, Zeitverhältnisse, Herrschafts- und Machtverhältnisse etc.) beeinflussen, formen und prägen "alle ... Momente, auch und gerade die leiblichen und existenziellen, und natürlich die intentionalen und evaluativen." (Rosa 2016:70)

Welt/ Weltbeziehung ist "stets alles zugleich ...: die subjektive, die objektive und die soziale Welt." (Rosa 2016: 69) (wenn nicht weiter differenziert wird)

Das Buch besteht aus vier Teilen. Rosa beginnt mit der leiblichen Weltbeziehung (wie bspw. Atmen, Essen, Schlafen, der Rolle des Körpers oder die emotionalen, evaluativen und kognitiven Aspekte etc.) und klärt hier die kategorialen Voraussetzungen seiner Resonanztheorie. Der nächste Teil rückt die konkreten Formen und Handlungs- und Erfahrungsfelder ins Blickfeld und der dritte Teil beschäftigt sich mit den Entwicklungslinien. Im letzten Teil  übt Rosa als seine kritische Theorie der Weltbeziehung Kritik an den Resonanzverhältnissen der Gegenwartsgesellschaft.