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Montag, 11. Dezember 2017

Wie Digitalisierung Muße verhindert



Muße ist mehr als ein von temporalen Zwängen und äußeren Leistungserwartungen zeitlicher Freiraum, den man hat oder nicht hat und je nach eigenen Bedürfnissen nutzen kann. Muße als spezifische Zeiterfahrung hat ihre eigene Erlebnisqualität. In Mußesituationen sind wir präsent, bewusst, aufmerksam, wir fühlen Ruhe und Entspannung. Kreativität und Phantasie können sich erst in Muße entfalten. Um einen Zugang zur Muße zu erlangen, bedarf es zudem – aus neurobiologischen Erkenntnissen heraus – die Entwicklung und Herausbildung individueller Fähigkeiten, wie Geduld, Ausdauer und Konzentration, die sich nur durch ausdauerndes Üben und durch gewisse Disziplin als individuelle (Zeit-)Kompetenz erwerben lassen.
Soziale (Zeit-)Bedingungen können Muße ermöglichen oder verhindern. Sie beeinflussen unsere Vorstellungen über die Zeit, unseren Umgang mit Zeit und haben einen wesentlichen Einfluss, ob jemand die Fähigkeit besitzt, sich Zugang zu den Möglichkeiten von Muße zu verschaffen. Gesellschaftliche Einflüsse formen und verändern die beiden fundamentalen neurobiologischen Systeme  – das Bottom-Up-System[1] und das Top-Down-System[2].
Unsere "Sofortness"-Kultur voller Ungeduld der digitalen Medien befördern ein äußerst kurzes 'Reiz-Reaktions-Verhältnis'  individueller Erwartungshaltungen, immer alles in 'Echtzeit' zur Verfügung haben zu wollen. Diese permanent auf uns einwirkenden digitalen Reize sprechen vor allem das Button-Up-System an – den schnellen kurzfristigen Verlockungen der digitalen Welt, der Smartphones oder der sozialen Medien ist kaum zu widerstehen. Auch, wenn tatsächlich kein Mangel besteht, wirken sie permanent auf unser unmittelbares Belohnungssystem  ein. Sie halten uns ständig in Unruhe und verstellen den Weg zur Muße.
So macht es beispielsweise einen großen Unterschied aus, ob wir mit der Hand schreiben oder in den Computer tippen oder auf Tablets und Smartphones wischen.
Mit der Hand schreiben zu lernen und Gedachtes auf's Papier zu bringen, bedarf ausdauernder Übung und des Zusammenspiels des Körpers. Dabei werden entsprechende Regionen im Gehirn aktiviert. Während des Schreibens wird  das Top-Down-System angesprochen, das für das Planen, Strukturieren, der Kontrolle und der Kreativität verantwortlich ist. Beim Mit-der-Hand-Schreiben, so belegen Studien, kommen wir auf mehr Ideen, man muss sich konzentrieren. Zwar geht das langsamer vonstatten, aber die verfügbare Zeit hilft, gedankliche Verbindungen herzustellen und Gedanken nacheinander auszubilden – alles Voraussetzungen für Mußeerfahrungen.
Im Gegensatz dazu, tippten die Probanden auf einen Computer zwar schneller, merkten sich aber nur einzelne Begriffe statt inhaltliche Zusammenhänge. Auch waren sie in ihren Texten nicht so kreativ.

U.a. gehörte es für Heinrich Böll dazu, neben dem Geschriebenen,  einen farbigen Plan, ein Schema
Böll Skizze zum Roman Frauen vor Flußlandschaft
seines entstehenden Romans anzufertigen, um den "Fluss der Schrift" noch einen zusätzlichen Moment der Muße hinzuzufügen: "Der Roman erhielt durch diese Übersicht- oder Strukturskizzen Konturen; Unstimmigkeiten in der Komposition wurden klarer, konnten korrigiert werden. Wenn auch damit noch nicht ausformuliert, wurde Fehlendes »sichtbar«, konnten Lücken mit »Fleisch« ausgefüllt werden. Die Ausarbeitung der Pläne stand für einen Moment des Innehaltens, des Verharrens, der Prüfung, die jedes Kunstwerk benötigt" (Böll 2010: 9).


Grund genug, mußevoll zum Stift zu greifen!

 Literatur:
Bauer, Joachim (2017): Selbststeuerung als Vorrausetzung von Muße. In: Muße und Gesellschaft. Otium. Studien zur Theorie und Kulturgeschichte der Muße 5. Tübingen. S. 89-100.
Böll, Rene (2010): Schemenhaft. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Ansichten.
Die Romanskizzen Heinrich Bölls. Berlin. S.8-11.
Cheauré, Elisabeth (2017): Zur Funktion von Handarbeiten in L. N. Tolstojs Anna Karenina. In: Muße und Gesellschaft. Otium. Studien zur Theorie und Kulturgeschichte der Muße 5. Tübingen. S. 401-418.
 Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) (2010): Ansichten. Die Romanskizzen Heinrich Bölls. Berlin.
  
Lobo, Sascha (2011): Die Mensch-Maschine: Digitale Ungeduld.  http://www.spiegel.de/netzwelt/web/s-p-o-n-die-mensch-maschine-digitale-ungeduld-a-774110.html (Abruf: 11.12.2017)

Stern, Nociole (2016): Das Muße-Prinzip. Wie wir wirklich im Jetzt ankommen. München.

Zeug, Katrin (2017): Schrift: Wie das Schreiben das Denken verändert. http://www.zeit.de/zeit-wissen/2017/06/schrift-schreiben-denken-sprache


[1] Das Bottom-Up-System ist auf  eine unmittelbare Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet und richtet sich auf eine kurzfristige Perspektive.
[2] Das Top-Down-System befähigt den Menschen , langfristig zu planen, vorausschauend zu denken innezuhalten oder zu reflektieren. Diese Fähigkeit ist eine entscheidende Voraussetzung für Mußeerfahrungen (Bauer 2017: 98).

Mittwoch, 18. Januar 2017

Der Winter – ein „Zeitdieb“!





Seit Anfang Januar hat sich der Winter durchgesetzt. Mit der Industrialisierung hat sich unser Verhältnis zum Winter grundlegend geändert. Einst als eine Zeit der Ruhe, scheint er sich als "Zeitdieb" oder "Störenfried" im permanenten Betriebsablauf unserer beschleunigten Gesellschaft herauszukristallisieren.
Der Winter stört Zeitpläne überall, wo er nur kann. Auf den Verkehrswegen gibt es  Beeinträchtigungen: Verspätungen, Wartezeiten und Ausfälle. „Zeitdiebe“ oder „Zeitfallen“ sind unliebsame Wartezeiten, Störungen oder Unterbrechungen in der Zeitplanung und sie stehlen die wertvolle Zeit. Das jedenfalls behaupten Verfechter gängiger Zeitmanagementmethoden. Zeitmanagementexperten raten dem Einzelnen diese „Zeitfresser“ aufzuspüren und weitgehend zu reduzieren.
Spürt man dem Winter und seine zeitlichen Auswirkungen im Alltäglichen einmal genauer nach, beeinträchtigt er vor allem die hochmobile Non-Stop-Leistungs- und Konsumgesellschaft - dicht vertaktet, auf hohe Geschwindigkeiten, ständige Mobilität und permanenten Leistungszwang getrimmt. Durch Schnee, Glätte und Kälte werden effiziente, rationell und logistisch ausgeklügelte Terminkalender, Zeitplanungen und Zeitplansysteme durcheinander gebracht. Fahrpläne von Bus und Bahn können nicht eingehalten werden. Es kommt zu Verzögerungen bzw. zeitweise zu Ausfällen im öffentlichen Personenverkehr. Fahrgäste stehen frierend und wartend auf Bahnhöfen, müssen teils auf andere Zugverbindungen ausweichen oder ihre Fahrt ganz aufgeben. Auf glatten oder schneeverwehten Straßen und Autobahnen legen Staus und Unfälle den Verkehr stundenlang völlig lahm. Ebenfalls im Flugverkehr gibt es Behinderungen und Ausfälle von Flügen. Und selbst ein Fußgänger muss sich langsamer und vorsichtiger fortbewegen, weil glatte und vereiste Fußwege in den Städten die Gefahr des Ausrutschens erhöhen. Die Zahl der Bein- und Armbrüche steigt in dieser Zeit an und so mancher Fußgänger muss deshalb eine Ruhepause im Krankenhaus einlegen.
Rosa (2005) benennt solche Phänomene der Verlangsamung bzw. Stillstandes als „dysfunktionale Nebenfolgen“, die in beschleunigten Gesellschaften in zunehmend massiveren Maße auftreten. Statt Bewegung und Beschleunigung treten an der „rückständigen  (Natur-)Schnittstelle“ Winter reale Verlangsamungen, Verzögerungen und Stillstände auf, weil dieser in seiner natürlichen Form nicht zeitlich mit einer schnellen Lebensweise  synchronisiert. Momente, Stunden oder Tage des Nicht-Funktionierens ziehen ökonomische Schäden in Millionenhöhe nach sich.
Der Winter „stört“ nicht nur im Alltäglichen, sondern hat ebenso Einfluss auf die Lebenszeitgestaltung bzw. Lebenszeit. Beispielsweise ist eine erhöhte Arbeitslosigkeit während der Wintermonate eine ‚normale‘ jährlich wiederkehrende Entwicklung, die im Januar gewöhnlich ihren höchsten Anstieg erreicht, wie Arbeitsmarktdaten zeigen und um so höher ausfällt, je kälter der Winter ist und je länger er dauert. Dies gilt insbesondere für witterungsbedingte Arbeiten, wie zum Beispiel im Baugewerbe. Der Winter bringt in diesen Fällen für den Einzelnen eine berufs- und witterungsbedingte „Zwangspause“. Außerdem verzeichnen Demographen jahreszeitlich bedingte Schwankungen für alle demografischen Ereignisse. So stellten bereits die Klassiker der Demografie für die Mortalität eine teilweise extreme Übersterblichkeit im Winter fest. Auch heute existiert eine höhere Sterblichkeit im Winter, jedoch ist die Stärke des Einflusses der Saisonalität  deutlich geringer geworden (vgl. Dinkel, Kohls).
Hat man den Winter in seinen zeitlichen Auswirkungen einmal genauer untersucht, heißt es nun diesen „Zeitdieb“ weitestgehend, entsprechend dem Rat der Zeitmanagementexperten, zu reduzieren. Genau dieses Experiment der Menschheit läuft seit dem Beginn der „Zeit- ist Uhren-Rechnung“ und „Zeit-ist-Geld-Rechnung“. Die dunklen Tage werden mit künstlichem Licht verlängert. Winterruhe oder Winterpausen, wie es sie in landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften gab, gehören der Vergangenheit an. Der Mensch geht auch im Winter seinen Beschäftigungen wie gehabt und unbeirrt nach. Behindert Glätte, Kälte oder Schnee den Verkehr, arbeitet  der Winterdienst ununterbrochen, um einen Rund-um-die-Uhr- Ablauf der Leistungsgesellschaft zu gewähren bzw. wieder herzustellen. Und meist dauert es nicht lange und der Verkehr rollt erneut nonstop weiter. In der Bundesliga wurde übrigens für die Saison 2009/2010 die Winterpause um dreieinhalb Wochen reduziert, um mehr Spieltermine zu haben. Es gibt ja beheizbare Spielflächen.
Ist der Winter wirklich eine „Zeitfalle“? Als „Zeitdieb“ stellt sich der Winter nur in diesem linearen und ökonomischen Verständnis von Zeit dar.  Der Winter eingebunden in den natürlichen Rhythmus der Jahreszeiten ist kein Störenfried seiner zyklischen Natur-Zeit. Bei Pflanzen und allen Lebewesen kann eine Reaktion auf den winterlichen Jahreszeitenwechsel mit kürzeren Tagen und abnehmenden Temperaturen beobachtet werden. Zugvögel, wie beispielsweise Falken, Schwalben, Rotkehlchen oder Finken, u.a. entfliehen in südliche und wärmere Gefilde. Manche Tiere, wie Kröten, Mäuse oder Eichhörnchen verfallen in einen Erstarrungszustand oder oberflächlichen Winterschlaf. Schlangen und Eidechsen halten einen Schlaf-Ruhe-Zustand und einige Tiere entwickelten als Anpassung eine Winter-Schlaf-Reaktion, in dem z.B. die Herzfrequenz gesenkt ist, der Sauerstoffverbrauch abfällt, die Gehirnzellen sich verlangsamen oder die Blutgefäße sich verengen. Auch beim Menschen zeigen sich mit physiologischen und psychologischen Veränderungen als natürliche Anpassung auf kürzere Tage und kalte Temperaturen winterschlafähnliche Reaktionen (vgl.Whybrow, Bahr). Untersuchungsreihen zeigen, dass der Mensch, mit individuellen Schwankungen, im Winter die Neigung zeigt, mehr zu schlafen, einen langsameren Aktivitätsrhythmus und eine schlechtere Stimmung hat, mehr Kohlenhydrate zu sich nimmt und an Gewicht zunimmt. Die Winterzeit ist eine natürliche Zeit der Ruhe und Entschleunigung. So beeinflusst im Übrigen frisch gefallener Schnee das Sehen und Hören, denn die Natur erscheint insgesamt ruhiger, wie Wissenschaftler festgestellt haben. Das Gehirn verbindet schon den Anblick von Schnee mit Stille und Ruhe. Schnee ist ein Material, das den Schall sehr  gut absorbiert und unsere Umwelt merklich leiser erscheinen lässt. Und selbst das Bundesamt für Katastrophenschutz, der jüngst den Winter bei einem Sturmtief sogar zur Katastrophe erklärte, riet den Bürgern auf seiner Website, „möglichst zu Hause zu bleiben und das Winterwetter aus sicherer Distanz in Ruhe zu genießen“. Wahrgenommene winterliche Zeitkonflikte sind nicht dem Winter immanent, sondern haben ihre Ursachen in dem beschleunigten Lebensstil moderner Gesellschaften. Statt auf kürzere und kältere Tage mit Trägheit, Gelassenheit und Besinnung zu reagieren, werden diese natürlichen biologischen Reaktionen bekämpft, weil sie nicht mit dem Werte- und Normensystem einer Leistungs- und Beschleunigungsgesellschaft konform gehen, und das schnelle  Leben wird wie gewöhnlich fortgeführt.
Zeitwohlstand im Winter als ein rechtes Maß an Zeit zu finden, bedeutet  eine gute Synchronisation von gesellschaftlichen Lebensweisen mit  natürlichen winterlichen „Zeitplänen“, mit einem Recht auf Entschleunigung, Ruhe und Besinnung in der kalten und dunklen Jahreszeit.

Literaturhinweise:
Brunner B. (2016): Als die Winter noch Winter waren. Geschichte einer Jahreszeit, Berlin
Dinkel R. H., Kohls M. (2006): Die „normale" Saisonalität und die Auswirkung kurzzeitiger Extremwerte der Mortalität in Deutschland (begutachteter Beitrag), Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 31, 2/2006, S. 163-186
Hirschfeld, C.C.L. (1769): Der Winter, Leipzig
Rinderspacher  J. P., Hermann-Stojanow I., Pfahl S., Reuyss S. (2009): Zeiten der Pflege, Münster
Rosa H. (2005): Beschleunigung, Frankfurt/M.
Whybrow P., Bahr R. (1992): Winterschlaf, Reinbek bei Hamburg

Freitag, 8. April 2016

Rosa: Resonanz V: Körperliche Weltbeziehungen S. 83 - 143


In Teil 1 des Buches behandelt Rosa die Grundelemente menschlicher Weltbeziehungen:
- Körperliche Weltbeziehungen
- Weltaneignung und Welterfahrung
- Emotionale, evaluative und kognitive Weltbeziehungen

Körperliche Weltbeziehungen
zu den wichtigsten elementaren Weisen der körperlichen Weltbeziehungen (Leib-Welt-Resonanz) zählt Rosa:

·        das in die Welt gestellt sein über die Füße und die Haut
·        das Atmen
·        Essen und Trinken
·        Stimme, Blick und Antlitz
·        Gehen, Stehen und Schlafen
·        Lachen, Weinen und Lieben

haben alle auch einen sozialen Aspekt, also sind sie auch für eine soziologische Theorie von Interesse, zeigt sich z.B. in Sprichwörtern, aber auch an Pathologien der Spätmoderne, zeigt an diesen Weisen in der Welt zu sein, auf das Leib-Welt-Resonanz des modernen Menschen vielfach gestört ist.

Rosa diskutiert die Weisen Des-in-die-Welt-Gesestelltseins ausführlich. Ich habe diese in einer Tabelle zusammengestellt, die unter folgendem Link als pdf aufgerufen werden kann.

 https://www.dropbox.com/s/k7hgpplknycwko9/Microsoft%20Word%20-%20Rosa%205%2083%20143%281%29.pdf?dl=0

Auch, wenn einige Ausführungen spekulativ bleiben, zeigen die von Rosa aufgezählten körperlichen Weltbeziehungen, dass diese kulturell/ sozial bedingt sind und wie wir durch diese Resonanz erfahren bzw. Resonanz nicht erfahren wird oder auch Resonanz bei anderen sehen können, z.B. durch den Gang eines Menschen.

Zwei mir wichtige Textpassagen aus dem Beispiel des Gehens:

                                          Rosa, Hartmut 2016: 128
                                               Rosa, Hartmut 2016: 129